2010

Vom Punkrock zum Akustik-Duo

Es ist das Jahr 2010. Mein Name ist Michael Novy. Ich bin 23 Jahre alt und habe im vergangenen Jahr - schweren Herzens - meine erste Band DIABOLIC-RIDER auflösen müssen. Eine Band, in der ich, mit meinen eigenen Songs, erste musikalische Erfolge feiern durfte. Mit einer Musik, die man mit dem Wort "Punkrock" wohl am besten beschreiben könnte. Die Band selbst nannte ihren Stil aber einfach "Alcoholic-Party-Punk-Hardrock", was es damals wahrscheinlich auch ganz treffend beschrieben hat. In den fünf Jahren von 2004 bis 2009 spielten wir zirka dreißig kleinere Muggen, mit einem Repertoire von etwas mehr als zehn eigenen Songs. Es entstand sogar ein erster Tonträger in dieser kurzen Zeit.

    Nach der Auflösung dieser Band habe ich zwar schon ein paar Soloauftritte gehabt, aber das erfüllt mich nicht so wirklich im vollen Umfang. Schöner wäre es doch, wieder in einer Band zu spielen - mit eigenen Songs, von mir geschrieben - vor einem größeren Publikum. Aber gute Musiker zu finden, die mit mir musikalisch und menschlich auf einer Wellenlänge sind, scheint es weit und breit nicht zu geben. Ich suche schon lange in diversen Internetportalen nach geeigneten Musikern, doch leider bisher immer ohne wirklichen Erfolg. Vielleicht sollte ich es einfach aufgeben und doch solistisch weiter machen? Nein, das kommt nicht in Frage! Ich werde weiter suchen, auch wenn es das Letzte ist, was ich tue! Schließlich heißt es ja immer: "Wer suchet, der findet" und einfach so aufzugeben, war eh noch nie eine Option für mich. Das ich bis zur Erfüllung meines Wunsches einer neuen Band aber nur noch wenige Tage brauchen werde, ahne ich natürlich nicht.
    An einem warmen Tag im August mache ich mich, von meiner 26qm-Wohnung auf der Radeberger Straße 119 in Dresden, auf den Weg ins Dresdner Stadtzentrum. Mein Ziel ist der Altmarkt, wo heute die Berliner Trommelgruppe STAMPING FEET, anlässlich des jährlich stattfindenden Stadtfestes, auftreten soll. In der Straßenbahn sehe ich viele Leute, die wahrscheinlich das gleiche Ziel haben wie ich. Es kann aber auch sein, dass sie nicht nur zum Altmarkt wollen, sondern auch zur großen Openairbühne am Theaterplatz, direkt vor der weltbekannten Semperoper, denn auch dort kann man zum Stadtfest immer wunderbare und kostenfreie Konzerte erleben. Ich sah dort in den vergangenen Jahren zum Beispiel so ziemlich jede angesagte Ostband, wie CITY, KARAT, RENFT, SILLY, ELECTRA, LIFT, und natürlich meine Lieblingsband PUHDYS. Aber auch ROSENSTOLZ, FRIDA GOLD oder ICH & ICH gaben sich dort schon die Ehre. Als ich schließlich am Altmarkt ankomme, sehe ich eine ganze Menge Leute vor der Bühne. Mittendrin steht ein großer, schwarzhaariger, junger Mann mit Brille. STAMPING FEET trommeln sich bereits in Extase und bringen die Leute schon während des Soundchecks zum tanzen und feiern. Als das Live-Programm dann offiziell startet, kommt der Typ mit Brille auf mich zu und spricht mich an, ob ich ein PUHDYS-Fan sei, weil ich ein Shirt dieser Band trage. Er stellt sich mir mit dem Namen Peter vor und hat ein Shirt der Band UNHEILIG an. Über die Musik dieser beiden Bands kommen wir recht schnell ins Gespräch. Wir tauschen uns aus, welche Konzerte wir schon besucht haben, welche Lieder wir toll finden und was wir am heutigen Abend noch so machen wollen. Nach dem Auftritt von STAMPING FEET verschwinde ich dann aber relativ schnell und verabschiede mich - fast schon hektisch - von Peter. Ich weiß nicht recht, ob meine Eile an dem weiteren Bühnenprogramm liegt - welches vorwiegend aus Schlagermusik besteht - oder an meinem langjährigen Kumpel Stefan, der mich schon lange am anderen Ende des Festgeländes erwartet.
    Als ich tief in der Nacht wieder zuhause bin, bedanke ich mich im Gästebuch von STAMPING FEET für die tolle Show auf dem Altmarkt. In dem Gästebucheintrag, der vor meinem gepostet steht, lese ich einen Kommentar von einem Peter, der nach einem PUHDYS-Fan namens Micha sucht, mit dem er sich vor der Show in Dresden unterhalten hat. Sofort ist mir klar, dass ich gemeint sein muss. Peter hat seine Emailadresse im Gästebucheintrag hinterlassen und so schreibe ich Peter eine Mail, ob wir uns vielleicht am darauffolgenden Tag beim Familienfest im Dresdner Zoo treffen wollen, denn dort wird STAMPING FEET ebenfalls einen Auftritt absolvieren. Ich klicke noch ein bisschen durch die Webseite der Band und siehe da, Peters Antwort enthält eine Zusage und flattert nur wenige Minuten später in meinem Email-Postfach ein.

Bei besagtem Treffen im Zoo unterhalten wir uns wieder. Ich erzähle von meiner Punkband und meinem Vorhaben, eine neue Band zu gründen - vielleicht eine Art Puhdys-Coverband, da ich schon einige Songs der Puhdys auf der Gitarre spielen kann und diese auch gern mal einem Publikum präsentieren möchte. Auch eigene Lieder gibt es nach der Auflösung von DIABOLIC-RIDER zuhauf. Die Texte schlummern alle zuhause in meiner Schublade "unfertige Songs" und warten eigentlich nur darauf, fertig getextet und komponiert zu werden. Peter hört gespannt zu und sagt, dass er leidenschaftlich gern Mundharmonika spiele, singen könne und wir uns mal zu einer kleinen Jam-Session treffen müssten. Diese Idee finde ich toll und so verabreden wir uns für den 12. September 2010 bei mir zuhause, um ein paar Songs zu schmettern.

Peter trifft pünktlich um 15 Uhr zur ersten gemeinsamen Probe ein. Meine Gitarre ist entstaubt, gestimmt und wartet bereits auf ihren Einsatz. Auf dem Wohnzimmertisch stehen Kaffee und Bier zum Verzehr bereit. Aus seinem Rucksack holt Peter seine Mundharmonika-Sammlung und zeigt mir darauf stolz die ersten Melodien, die er schon spielen kann. Ich schließe die Augen und lass den Klang der Mundharmonika auf mich wirken. Wüsste ich nicht, dass es Peter ist, der gerade vor mir steht, würde ich denken, dass das einstige TV-Supertalent MICHAEL HIRTE vor mir steht.

Begeistert von seiner Darbietung präsentiere ich ihm meinen neuesten Song "Alter Kapitän". Peter versucht ihn direkt zu singen. Ich bin überrascht von seiner klaren Stimme, die sehr gut auf diese Ballade passt. Schnell bauen wir ein Mundharmonika-Solo ein und finalisieren den Song noch in der ersten gemeinsamen Probe. Am gleichen Tag probieren wir außerdem die Songs "Hiroshima" und "An den Ufern der Nacht" von den PUHDYS. Es wirkt, als wären wir schon sehr gut aufeinander eingestimmt und auch menschlich verstehen wir uns gut. Man muss Peter nur sehr genau sagen, wie man sich den Song vorstellt und Peter setzt es sofort mit seinen bestmöglichen Fähigkeiten um.

Wir verabreden uns also zu weiteren Proben, die ab sofort jeden Sonntag, um 15 Uhr, bei mir zuhause stattfinden sollen.

Die neue Band, von der ich so lange geträumt hatte, scheint geboren zu sein - zumindest steht sie so gut wie in den Startlöchern. Zwar habe ich nicht vor, ewig als Akustik-Duo aufzutreten, aber gut, noch stehen wir ja am Anfang. Ich bin guter Dinge, dass wir mit viel Übung, Überzeugung und Herzblut, auch andere Musiker davon überzeugen können, bei uns einzusteigen und somit vielleicht, früher oder später, eine ganze Rockband zusammenbekommen.

Bei der nächsten Probe legen wir den Namen unseres Projektes fest. Ich habe die Idee,  uns "Wilder Frieden" oder "Neue Helden" zu nennen, aber diese Namen haben sich schon andere Bands gegeben, also entscheiden wir uns für "PERLENFISCHER". Ja, das ist gut, so wollen wir zukünftig heißen, benannt nach dem fünften Studioalbum der PUHDYS, bestehend aus meiner Wenigkeit an der Gitarre und Peter Herold als Sänger und Mann an der Mundharmonika.

Wir proben die Songs der letzten Probe und entwickeln das "Raucherlied", welches erstaunlicherweise mit nur drei Akkorden auskommt. Der Text entsteht tatsächlich in einer Raucherpause, die von mir, seit der ersten Probe mit den Worten "Jetzt rauche ich erstmal eine" eingeleitet wird. Den restlichen Songtext reime ich innerhalb von nur fünf Minuten dazu. Fertig ist der zweite, fast schon hitverdächtige Song. Ähnlich ist es übrigens auch bei dem nächsten eigenen Song "Einsam & Allein". Dieser besteht anfänglich nur aus einer Melodie für den Refrain, die ich Peter vorspiele. Spontan singt er immer wieder "allein, allein, einsam und allein" auf die fertigen Harmonien. Wir beschließen, den Refrain so zu lassen und ich schreibe die restlichen Textzeilen, wieder in wenigen Minuten, um den Refrain herum.

Doch schon am Abend nach der Namensgebung kommen mir die ersten Zweifel. Ich tue mich schwer mit der neuen, akustischen Musikrichtung. Sie bereitet mir ziemliche Probleme. Wahrscheinlich weil ich die Jahre zuvor immer nur mit E-Gitarre unterwegs war, um die Auftritte, Proberaum- und Studiosessions meiner Punkband zu absolvieren. Die Akustikgitarre, auf der ich früher von meiner Oma die ersten Harmonien gelernt bekommen habe, fiel 2007 einem Wasserschaden, im damaligen Proberaum, zum Opfer. Dort war im Nachbarraum des Probekellers der Schlauch einer Waschmaschine geplatzt. Die kaputte, nicht mehr zu rettende Gitarre hatten wir damals als Feuerholz für ein Lagerfeuer verwendet. Für etwas anderes war sie auch wirklich nicht mehr zu gebrauchen. Seitdem lernte ich auf einer gelben elektrischen Gitarre weiter, mit der ich auch bei der Punkband spielte. Und nun zukünftig nur noch akustisch? Ich weiß nicht. In Gedanken versunken, schlafe ich irgendwann ein.

Erst mehrere Wochen nach der Gründung der Perlenfischer-Band kaufe ich mir eine eigene Akustikgitarre der Marke XS, um die nunmehr akustischen Songs nicht weiter mit E-Gitarre ohne Verzerrung spielen zu müssen. Schließlich verlangt mir die Akustikgitarre auch ein deutlich saubereres Gitarrenspiel ab, als eine verzerrte E-Gitarre, auf der man als Laie die kleinen Verspieler vielleicht gar nicht so schnell hört. Zwischenzeitlich leiht mir Peter eine alte und ausrangierte Akustikgitarre, die er irgendwo beschafft hatte. Die sah aber bei weitem nicht so cool aus, wie meine "Neue" der Marke XS.

Nun bin ich also, vorerst ausreichend, ausgestattet und auch etwas motivierter, weiterhin die Akustikgitarre zu nutzen. Die ersten Bandproben mit Peter laufen bombastisch, sodass wir am 31. Oktober 2010, nur anderthalb Monate nach unserer Bandgründung, den ersten kleinen Auftritt bei einer privaten Geburtstagsfeier im Stadthaus Heidenau spielen können.

Im Gepäck haben wir sechs Songs, die wir mit neuer Gitarre, Mundharmonika, Gesang und ohne elektrische Verstärkung (heute würde man es "unplugged" nennen) zum Besten geben. Gastgeberin der Feier ist niemand geringeres als die Mutter von Peter, die nichts von unserem Auftritt ahnt und sichtlich erstaunt ist, als ihr Sohn gegen 18.45 Uhr den Live-Auftritt seiner neuen Band ankündigt. Als ich - ein unbekannter Fremder - hinzu komme, ist die Überraschung perfekt. Wir starten mit dem PUHDYS-Song "An den Ufern der Nacht", den die zirka zwanzig Partygäste bereits ab dem zweiten Refrain begeistert mitsingen. Nach tobendem Applaus geht es nahtlos weiter mit "Hiroshima" und der Uraufführung unseres Songs "Alter Kapitän". Ein Zuhörer meldet sich zu Wort und sagt, dass er sich sehr gut mit meinem Text identifizieren könne, da er selbst mal auf einem Schiff angeheuert und es genau so erlebt habe, wie es im Lied besungen wird. Ich freue mich über den ersten Beweis, dass unsere Lieder aufmerksam gehört werden und die Leute offensichtlich auch mit meinen Texten etwas anfangen können. Im Anschluss schallt "Hey John" von den PUHDYS durch den Raum - ein Tribut an den BEATLES-Musiker John Lennon, der am 9. Oktober 2010 siebzig Jahre alt geworden wäre, wenn er nicht 1980 in New York erschossen worden wäre. Danach erklingt der wunderbare Song "Komm doch mit" von der Band ARMOR & DIE KIDS. Vor allem der Refrain begeistert das Publikum und bringt die Stimmung des Abends auf den Höhepunkt. Als Abschluss outet sich das "Raucherlied" schon fast als Hymne des Abends. Immer und immer wieder wird eine Zugabe des Refrains verlangt. Alles in allem ist es ein rundum gelungener Abend für die Band und auch für das Publikum. Der Abend klingt mit Gesellschaftsspielen und einer abwechslungsreichen Musikauswahl aus dem CD-Spieler aus und wir sitzen noch lange bei Bier und leckerem Buffett zusammen. Der 31. Oktober 2010 wird von nun an immer als ein Tag voller Aufregung und Lampenfieber in unserer Erinnerung bleiben.

Noch am Abend, nach der ersten Mugge, bastele ich am heimischen Laptop eine Homepage für die Perlenfischer-Band, denn die ersten Fans haben wir bei unserem ersten Auftritt schon für uns gewinnen können. Nun liegt es an uns, auch außerhalb der Familie, neue Fans zu erreichen und von uns zu überzeugen. Das geht natürlich nur mit einer informativen Webseite und vielen Auftritten, für die wir nun neue Songs einstudieren werden, um diversen Veranstaltern noch längere Auftritte bieten zu können. Peter und ich sind uns sehr bewusst, wie viel Übung und Marketing es braucht, um mit der Zeit irgendwie erfolgreicher zu werden.

Um unsere neusten Songs vorab präsentieren und final testen zu können, machen wir am 5. Dezember 2010 eine Art "öffentliche Probe im Familien- und Freundeskreis". Dazu laden wir eine Hand voll Leute zu mir nachhause ein, um ihnen unsere Songs vorzuspielen, bevor diese Lieder einer breiten Öffentlichkeit präsentiert werden sollen. Die Veranstaltung tarnen wir als Weihnachtsfeier, damit überhaupt ein paar Leute kommen. Mit vier Freunden, die unserer Einladung letztlich folgen, läuten wir die Vorweihnachtszeit ein. Bevor wir aber zu den Instrumenten greifen, hören wir aus der Reserve Weihnachtslieder von CITY, den PUHDYS und UNHEILIG. Wir verdrücken Lebkuchen, Spekulatius und selbstgebackene Plätzchen. Gut gewärmt vom Glühwein, beginnen wir schließlich gegen 17.30 Uhr mit dem Live-Auftritt, der zu Beginn die gleiche Setlist, wie die vor ein paar Tagen im Heidenauer Stadthaus hat. Vor dem ersten Lied gibt es unser neues Instrumental-Intro mit Gitarre und Mundharmonika als Einleitung. Ganz nebenbei präsentieren wir auch unsere zwei neuen Songs "Frohes Fest" und "Omas Hund". Die Songs kommen sehr gut an. Zum Abschluss unserer kleinen Feier schauen wir die Puhdys-Weihnachts-DVD zur Dezembertage-Tour. Es ist ein sehr lustiger und besinnlicher Abend, der uns einmal mehr zeigt, dass wir bereit sind, im nächsten Jahr weitere Auftritte an Land zu ziehen.

In der Tat stehen für das Jahr 2011 schon bald ganze neun Auftritte fest, die wir, vorwiegend ohne elektrische Verstärkung, bei Familienfeiern und Hochzeiten absolvieren wollen. Das Ganze nennen wir "Perlenfischer-Wohnzimmerkonzerte", mit denen wir uns, wenn alles gut läuft, auch bei vielen Fans der PUHDYS Gehör verschaffen können.