Samira

In den nächsten Monaten lebten wir zu dritt also sehr glücklich zusammen und haben unzählige Dinge erlebt. Wir besuchten beispielsweise oft den Dresdner Zoo, fuhren mit der Parkeisenbahn oder erkundeten die Spielplätze unserer Stadt. Im Sommer wurden unzählige Kilogramm Eis am Pfannkuchenhaus in Dresden-Kleinzschachwitz, im Eisgarten Huß oder am Fährhaus, direkt an der Elbe, gegessen. Unter der Woche gingen Susi und ich unserer Arbeit nach und Milan besuchte ab Dezember 2019 die Kindertageseinrichtung. Dort fühlte er sich von Anfang an sehr wohl, die Eingewöhnung machte ihm überhaupt keine Probleme.

Auch sein Immunsystem war erstaunlich stark. Oft hört man von anderen Eltern, dass ab der Kinderkrippenzeit die Kinder sehr oft krank werden. Milan war entgegen dieser Aussagen eigentlich immer gesund. Nur Ende Januar 2020 hatte es ihn ziemlich heftig erwischt. Susi musste ihn mit vierzig Grad Fieber aus der Einrichtung holen und er brauchte mehrere Tage für die Genesung. Als er pünktlich zu seinem ersten Geburtstag am 1. Februar 2020 wieder gesund war, ging es mir dann nicht mehr so gut, wahrscheinlich hatte ich mich bei ihm angesteckt. Dennoch hatten wir eine sehr schöne Geburtstagsfeier mit einer riesigen Torte für Milan organisiert.

Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten, war, dass ganz Deutschland und der Rest der Welt kurz vor einer Pandemie stand. Der Coronavirus verbreitete sich rasend schnell über den gesamten Erdball. Für unsere Familie, die sich bisher glücklicherweise nicht mit diesem Virus infizierte, hieß das, dass Milan aufgrund der Kita-Schließung von März bis Mai 2020 zuhause war und Susi in Kurzarbeit gehen musste. Bei Rewe gab es für mich hingegen so viel zu tun, dass ich sogar Überstunden machen musste, um den Hamsterkäufen der verängstigten Bevölkerung Herr zu werden. Besonders schlimm fanden wir, dass es das Osterfest 2020 aufgrund der ganzen Infektionsschutzmaßnahmen eigentlich gar nicht gab und auch Geburtstage oder andere Festlichkeiten, wie z.B. Fasching oder Weihnachten konnten nur im kleinsten Kreis stattfinden. Milan hatte also im ersten Jahr seines Lebens kaum eine Festlichkeit miterleben können. Den Lockdown selbst nutzten wir als "häuslichen" Urlaub. Wir fuhren zum Kinderparadies "Oskarshausen" nach Freital, gestalteten Milan's Zimmer um, malten bunte Bilder mit Pinseln und Stiften und gingen so oft wie es nur irgendwie möglich war, an die frische Luft.

Oftmals sahen wir bei diesen Spaziergängen dann schwangere Frauen und belächelten sie mit den Worten: "Im Lockdown entstehen wohl doch die meisten Kinder". Komisch, denn auch in uns wuchs zu dieser Zeit schon der Wunsch nach einem zweiten Kind. Wir beschlossen, es aber so zu handhaben, wie wir es bereits vor Milan's Schwangerschaft taten: Wir wollten nichts dafür und nichts dagegen tun und dennoch wäre es ja schön, wenn Milan noch ein Brüderchen oder Schwesterchen bekäme, mit dem er spielen könnte.

Und wie es der Zufall manchmal will, hatte das Schicksal unseren Wunsch nach einem zweiten Kind erhört und auch erfüllt. Es zeigte sich, dass es etwas voreilig war, sich über die schwangeren Frauen in unserem Viertel lustig zu machen, weil wir schon bald selbst dazu gehören sollten, die im Lockdown ein Kind auf den Weg brachten. Bereits Ende September 2020 hatten wir die Vermutung, dass sie wieder schwanger sein könnte. 

Anfang Oktober 2020 trafen wir uns mit Freunden in der Stadt zum gemeinsamen Abendessen in einem holländischen Restaurant. Ein guter Freund von uns, der selbst gerade Vater geworden war, fragte ich aus Spaß, wann denn das zweite Kind unterwegs sei. Er verneinte die Frage und meinte, dass erstmal wir wieder an der Reihe wären, ein Kind nachzuschieben. Natürlich wusste er nicht, was wir schon ahnten. Susi und ich lächelten uns daraufhin schuldbewusst an, doch keiner der Anwesenden merkte etwas und so behielten wir diese wunderbare Vermutung erst einmal für uns.

Um aus unserer Vermutung eine Tatsache zu machen, kauften wir einen Schwangerschaftstest und in der Tat war Susi schwanger. Die Freude war wieder riesengroß. Auch wenn es noch nicht von der Frauenärztin bestätigt war, so waren wir uns schon ziemlich sicher, dass uns der Test nicht belogen hat. Nur zwei Tage später spürte Susi ein leichtes Ziehen im Bauch, sie meinte, dass es sich anfühle, als hätte sie Blähungen. Auch das passte gut zu unserer Vermutung und zu dem positiven Testergebnis.

Die Anzeichen und Indizien einer Schwangerschaft wurden immer eindeutiger, aber wir wollten diese Neuigkeit noch etwas für uns behalten und sagten unseren Eltern nichts. Unser Plan war, die Schwangerschaft noch bis Weihnachten geheim zu halten, um dann alle mit dieser Neuigkeit zu überraschen - ein weiteres Enkelkind als Weihnachtsgeschenk, sozusagen.

Im Internet bastelten wir einen Adventskalender in Form eines 24-Teile-Puzzles. Jeden Tag im Dezember durften Milan's Großeltern also ein Puzzleteil auspacken und an der richtigenStelle anfügen. Zum Schluss entstand ein Foto, auf dem Milan mit einem Schwangerschaftstest zu sehen ist. Darunter stand "Großer Bruder 2021" geschrieben.

Mitte Oktober 2020 wurde uns die Schwangerschaft dann offiziell von Susi's Frauenärztin bestätigt. Als wir wenige Tage später den Geburtstag von Susi's Mutter feierten und der Eierlikör und Eierpunsch ausgeschenkt wurde, lehnte Susi natürlich ab, das Glas zu trinken und schob es zu mir herüber.  Ihrer Mutter sah man an, dass sie etwas verwundert war. In einer ruhigen Minute nahm sie uns zur Seite und fragte uns, ob Susi wieder schwanger sei - wir konnten sie nicht anlügen und gaben es zu. Unser Plan der Weihnachtsüberraschung war nun also geplatzt.

Damit es meine Mutter nicht von anderen erfährt, habe ich sie unmittelbar danach auch aufgeklärt, was uns und sie erwartet. Mein Vater war zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr unter uns. Er starb 2019 an Leukämie und bekam weder die Schwangerschaft, noch die Geburt von beiden Kindern mit.

Die Freude bei den verbleibenden Omis und Opis war gigantisch. Alle waren, genau wie bei Milan damals, völlig aus dem Häuschen und wollten natürlich sofort wissen, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird. Die Frage stellten wir uns natürlich auch, aber es war viel zu früh, um sie auch nur ansatzweise beantworten zu können. Susi hatte zwar auf Arbeit mal eine Eingebung, dass es ein Mädchen werden würde, angeblich hätte sie eine Püppi vor ihrem inneren Auge gesehen, als sie sich mit einer Patientin unterhielt, aber was es nun endgültig werden würde, stand in den Sternen.

Auch bei Milan's Schwangerschaft gab es eine ähnliche Situation, die uns verraten hatte. Ines bot Susi restlichen Sushi an, ein Angebot, was Susi im Normalfall niemals ablehnen würde, geschweige denn könnte. Aber schwanger wollte sie es nicht und so war auch damals ihrer Mutter sofort alles klar. 

Susi und ich machten einen Deal: Wenn es ein Mädchen wird, werden wir die Familienplanung abschließen und uns auf unser Kinderpärchen konzentrieren. Wenn es aber ein Junge werden würde, dann machen wir weiter. Immer weiter, bis irgendwann ein Mädchen für uns rausspringt.

Nach einem ruhigen Start ins neue Jahr, mache ich die Feststellung, dass Susi wieder sehr umgänglich ist - keine Spur von Stimmungsschwankungen oder kuriosen Essgewohnheiten. Sie ist gut drauf und wüsste man nicht, dass sie schwanger ist, würde man es am Verhalten auch nicht merken. Nur der immer größer werdende Bauch lässt die Schwangerschaft nicht dementieren. In der ersten Januarwoche spürt Susi im Bauch die ersten "Blubbs", sie beschreibt es als große Seifenblase, die sich im Bauch bewegt. Die Kindsbewegungen werden stärker spürbar, vor allem an der Bauchdecke. Susi erzählt es ihrer Frauenärztin - alles ganz normal, sagt sie. Frau Lepsy offenbart uns außerdem das Geschlecht unseres zweiten Kindes. Es wird ein Mädchen! Somit greift der Teil des geschlossenen Deals, dass unsere weitere Kinderplanung abgeschlossen ist.

Ende April 2021 starb Susi's Opa Bernd an Corona. Wir sitzen geschockt auf dem Sofa. Milan ist bei seinen Großeltern und schläft seelenruhig und nichts ahnend. Zwei Wochen vorher saßen wir noch mit Bernd zusammen, haben Pläne geschmiedet, gemeinsam gelacht und dann ging alles so schnell. Er brach zuhause plötzlich zusammen und wurde ins Krankenhaus gebracht. Es dauerte nicht lang, bis er beatmet werden und ins künstliche Koma gesetzt werden musste. Nur wenige Tage später kam eine Sepsis dazu und die Nieren und Leber versagte. Milan mochte seinen Uropa sehr und spielte gern mit ihm und auch ich werde Bernd immer als sehr humorvollen und ehrlichen Menschen in Erinnerung behalten. Schade, dass er seine Urenkelin nicht mehr kennenlernen konnte.

Neben all der Trauer mussten wir uns aber zeitgleich auf die bevorstehende Geburt vorbereiten. Zuhause wurde noch schnell ein Gipsabdruck vom Babybauch gemacht und direkt mit Milan's Bauch von damals verglichen. Auch die rechtzeitige Anmeldung im Krankenhaus durfte natürlich nicht verschwitzt werden. Wir haben uns für die Entbindung wieder für das Dresdner Krankenhaus St. Joseph Stift entschieden. 

Am 3. Juni 2021 um 12.38 Uhr war es dann endlich soweit. Unsere Tochter Samira erblickte das Licht der Welt und brachte stolze 3.880 Gramm auf die Waage und hatte eine Körpergröße von 52 Zentimeter. Und es war wieder da, das Gefühl von Vaterstolz, als ich die Nabelschnur durchtrennen durfte.

Das Familienzimmer im Krankenhaus, wo wir die nächsten drei Tage gemeinsam verbrachten, war für unsere Verhältnisse völlig okay und ausreichend, fast schon luxuriös. Leider schmeckte die Krankenhauskost  hundsmiserabel. Faszinierend war auch, dass wir sowohl im gleichen Wehenzimmer, wie auch im gleichen Kreißsaal und auch im gleichen Familienzimmer untergebracht waren, wie damals bei Milan's Geburt.

Nun begann wieder die Zeit, in der wir uns zuhause, nun zu viert, aufeinander eingrooven mussten. Da Samira recht viel schlief und auch sonst ein sehr ruhiges Gemüt hatte, gelang uns das relativ zügig. Es dauerte nicht lang  bis wir sie baden konnten, auch das genoss sie schweigsam und genüsslich. Wenn sie danach an Mama's Brust durfte, grinste sie über beide Wangen und man sah ihr die Vorfreude auf das zu erwartende Mahl förmlich an.

Milan liebte seine Schwester vom ersten Moment abgöttisch. Er redete mit ihr, versuchte ihr den Schnuller in den Mund zu stecken, streichelte sie zaghaft und vorsichtig und küsste sie mehrmals auf den Mund und die Wangen. Vor dem Schlafen ist der laute und feuchte Gute-Nacht-Kuss für Samira zum festen Bestandteil des Abendrituals für den, nunmehr zweieinhalb jährigen, großen Bruder geworden. 

Und so genossen wir weiterhin unsere gemeinsame Zeit zuhause und werden auch in Zukunft noch unheimlich viele, weitere gemeinsame und unvergessliche Erlebnisse und Momente mit unserer kleinen Familie erleben und darauf freuen wir uns sehr. Ich liebe Euch!